Leserfrage: Warum geht es nicht allen von einer Schilddrüsenunterfunktion betroffenen PatientInnen durch die Schilddrüsenhormontherapie gut?

In der Theorie ist die Schilddrüsenhormontherapie sehr einfach. Die Schilddrüse ist krankheitsbedingt nicht mehr in der Lage ausreichend Schilddrüsenhormone herzustellen. Es kommt zu einem Mangel an Schilddrüsenhormonen, einer Schilddrüsenunterfunktion (Hypothyreose). Also nimmt man zum Ausgleich die fehlenden Schilddrüsenhormone täglich als Tablette ein. 

Warum das in der Praxis dann doch nicht so einfach funktioniert, verdeutlicht folgendes Beispiel:

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Von Montags bis Freitags arbeiten Sie am Schreibtisch. Sie essen jeweils morgens, mittags und abends eine Scheibe Brot. Samstags erledigen Sie die Wocheneinkäufe, machen den Haushalt und arbeiten im Garten. Das führt dazu, dass Sie mehr Hunger haben und mittags zwei Scheiben Brot und zwischendurch noch einmal eine halbe Scheibe Brot essen. Sonntags schlafen Sie länger und frühstücken erst spät eine Scheibe Brot. Auf das Mittagessen verzichten Sie ganz und essen abends auch nur eine halbe Scheibe Brot, weil sie faul auf der Couch liegen und keinen Hunger haben. Insgesamt haben Sie also in der Woche 21 Scheiben Brot gegessen – durchschnittlich drei Scheiben Brot pro Tag. Deshalb wird festgelegt, dass Sie zukünftig ohne Ausnahme täglich drei Scheiben Brot essen. Von Montags bis Freitags ist das genau richtig, Samstags haben Sie Hunger und Sonntags leiden Sie unter Völlegefühl.

Das ist das Grundprinzip der Schilddrüsenhormontherapie. Dabei wird allerdings nicht berücksichtigt, dass sich der Schilddrüsenhormonbedarf fortlaufend ändert. Er ist unter anderem abhängig von körperlicher Aktivität, Kälte und Wärme sowie Stressbelastung. Im Winter braucht man etwas mehr Schilddrüsenhormone als im Sommer. Wenn Sie abnehmen müssen Sie auch Ihre Schilddrüsenhormondosis reduzieren. Bei Frauen sind zuweilen schon Veränderungen im Verlauf des Monatszyklus spürbar, d.h. der Bedarf an Schilddrüsenhormonen ist um den Eisprung geringfügig höher als während der Menstruation.

Das bedeutet, dass die regelmäßig eingenommene Schilddrüsenhormondosis für PatientInnen mit einer Schilddrüsenunterfunktion an einem Tag zu niedrig und an einem anderen Tag zu hoch sein kann. Mit einer gesunden Schilddrüse kann das hingegen nicht passieren – sie reagiert sehr schnell auf alle äußeren Einflüsse und ist in der Lage ihre Schilddrüsenhormonproduktion entsprechend anzupassen.

ÄrztInnen entgegnen auf solche Überlegungen oft, dass die Standard-Schilddrüsenhormontherapie das Speicherhormon T4 enthält welches der Körper bedarfsgerecht in das stoffwechselaktive Hormon T3 umwandeln kann. Das ist zwar richtig, aber es bleibt unerwähnt, dass eine gesunde Schilddrüse nicht nur  T4, sondern auch T3 herstellt und zusätzlich bei Bedarf das T4 in T3 umwandeln kann.

Hinzu kommt, dass auch die Umwandlung des Schilddrüsenhormons T4 in T3 zahlreichen Einflussfaktoren unterliegt. So kann bereits ein eigentlich harmloser Mangel an dem → Spurenelement Selen dazu führen, dass diese beeinträchtigt ist.

Und nicht zuletzt ist natürlich auch noch wichtig, was die Ursache für die Schilddrüsenunterfunktion ist. Beispielsweise bei der Hashimoto-Thyreoiditis muss man immer unterscheiden – sind das Beschwerden die durch ein Zuwenig oder Zuviel an Schilddrüsenhormonen verursacht werden oder hängen die Symptome mit dem gestörten Immunsystem zusammen. Auf Letzteres hat die Schilddrüsenhormontherapie ohnehin keinen Einfluss.

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